von Christian Heuser
Ansatz und Ziel
Bereits die ersten Schritte in der Wirtschaft (vor 40 Jahren als Ferienarbeiter in einem produzierenden Unternehmen) brachten ihn hervor, diesen Wunsch, mein Leben zu gestalten und dies auf der Basis ökonomischer Freiheit. Doch wie entsteht ökonomische Freiheit?
Eine simple Antwort darauf lautet: durch Geld. Geld führt generell zu Handlungsspielraum – unabhängig davon, welche Präferenzen damit verfolgt werden. Doch das kann nicht der Nukleus ökonomischer Freiheit sein, wenn man den Vermögensverfall bei Legionen von Lottogewinnern betrachtet.
Wird der Fokus auf die Spielregeln gelegt, die zwar scheinbar den Handlungsspielraum einschränken, ergibt sich ein Spielfeld der Freiheit. Aber Spielregeln allein führen noch nicht dazu, dass die Teilnehmer an einem Fußballspiel, einem Biathlon-Wettbewerb oder einer Partie Schach aktiv werden. Wirtschaftliche Aktivität bedarf somit eines Zusammenspiels von ordnungsökonomischen Rahmenbedingungen und dem im Mittelpunkt der Österreichischen Schule stehenden unternehmerischen Handeln.
Die folgenden drei Faktoren haben Relevanz, um wirtschaftliche Freiheitsräume zu gestalten, was mit dem o. g. Ziel der Lebensgestaltung einhergeht:
Vertrauen
Laut einer Umfrage des Instituts für Markt- und Sozialforschung ist es 89% der Erwachsenen wichtig, den Menschen aus ihrem sozialen Umfeld vertrauen zu können, wobei mit steigendem Lebensalter der Prozentsatz von 78% (bei den 18-29-Jährigen) auf 95% (bei den über 60-Jährigen) ansteigt.1 Und auch in der Wirtschaft ist lt. Suchanek Vertrauen die wichtigste Bedingung für nachhaltige Wertschöpfung.2 Vertrauen gleicht einer Investition und hat somit immer eine Risikokomponente. Doch wie bei Geldanlagen muss Vertrauen kein Ein-Aus-Schalter sein, sondern besser ein Dimmschalter, der das Vertrauen dosiert.3
Sowohl Vertrauensgeber als auch Vertrauensnehmer, die den Wert „Vertrauen“ in der konkreten wirtschaftlichen Aktivität thematisieren oder einfordern, können Skepsis hervorrufen: Was soll die explizite Berufung auf das Vertrauen bewirken? Die Entwicklung des Mutes, der mehr Vertrauen ermöglicht, führt zu einer deutlich stärkeren Förderung wirtschaftlich freien Handelns.
Verantwortung
Das Pendant zum Vertrauen bildet die Verantwortung, die vor allem bei dem Akteur liegt, dem Vertrauen entgegengebracht wird. Die Wahrnehmung der Verantwortung kann exemplarisch anhand einer Branche veranschaulicht werden, deren Kernkompetenz in der langfristigen Übernahme von Verantwortung liegt: den Lebensversicherungsunternehmen, die lebenslange Renten garantieren. So äußerte sich Frank Kettnaker, langjähriger Versicherungsvertriebsvorstand recht markant: „Wir übernehmen langfristige Verantwortung, oft für Jahrzehnte, manchmal sogar von der Geburt bis zum Tod, indem wir unser einmal gegebenes Leistungsversprechen einhalten. Das hört sich vielleicht unspektakulär und wenig ambitioniert an – ist aber genau das, worauf es in der Altersversorgung oder der Absicherung der eigenen Arbeitskraft ankommt. Unsere Verantwortung endet genau dann, wenn wir unser Leistungsversprechen erfüllt haben.“ Für die meisten Wirtschaftsakteure wird die Verantwortung deutlich beschränkter sein. Es gehört für jedes Wirtschaftssubjekt dazu, den eigenen Verantwortungsbereich klar zu definieren, egal ob es der am Ort ansässige Friseurmeister oder die Geschäftsführerin eines hidden champions ist.
Haftung
Haftung ist die Kodifikation und logische Konsequenz der Verantwortung. Ursprünglich sollte hier statt des unattraktiven Begriffs der „Haftung“ der wesentlich attraktivere Begriff der „Haltung“ Verwendung finden. Doch Haltung kann zu funktionalen, aber auch zu dysfunktionalen Ergebnissen führen. Laut Pies kann Haltung zur Polarisierung führen: „Affektive Polarisierung markiert den Übergang vom Meinungsstreit zum Identitätskonflikt.“4 Dies wird besonders deutlich, wenn man die Menge an Aussagen der politischen Pole betrachtet, die einer inversen Gauß´schen Normalverteilung entsprechen (während die breite Mitte schweigt). Das Gros der getätigten politischen Aussagen läuft leider darauf hinaus, dass sie zur Wahrung der Peer group-Identität polarisierend wirken.
Haftung als Faktor, im Sinne, dass Freiheit nicht ohne Haftung gedacht werden darf, kann im wirtschaftlichen Kontext in einem weiten Sinne gelebt werden. Denn Haftung benötigt nicht immer den gerichtlichen Weg, denn ein regelbasierter Interessenausgleich zwischen Streitpartien kann auch außergerichtlich durch Mediation und Schiedsverfahren erfolgen, wo neben den juristischen Tatbestandsmerkmalen auch weitere Lebensaspekte berücksichtigt werden. Es gilt aber, dass wir uns als Wirtschaftssubjekte in Konflikten der Frage, wer haftet, stellen. Und es bedarf konkreter Regelungen, damit Haftungsfragen geklärt werden können. So gesehen steht der Begriff „Haftung“ für alle Regelungen, die dafür sorgen, dass sich das Recht durchsetzt – nicht das Recht des Stärkeren, sondern das Recht der anerkannten Ordnung.
Wirtschaftliche Entwicklungen, die dahin gehen, aufgrund möglicher Haftungsrisiken (erstmal) nichts zu unternehmen (weil es bspw. noch nicht bekannte Regulierungsvorschriften geben könnte), sollten vermieden werden, damit die Lähmungserscheinungen unseres Wirtschaftssystems sich nicht verstärken. Dabei könnte auch die Nutzung der Möglichkeit, den Geschädigten um Vergebung zu bitten, ein denkbares – wenn auch seltenes – Instrument im wirtschaftlichen Miteinander sein.
Fazit
Die Legitimation wirtschaftlich frei zu handeln, entsteht durch den Mut, sich gegenseitig zu vertrauen, die bewusste Wahrnehmung von Verantwortung und – sofern es mal zu Streit- und Schadenfällen kommt – durch die Haftung für nicht tolerierbare Folgen des Handelns. Ökonomische Freiheit kann auf der (institutionellen) Kopplung von Vertrauen, Verantwortung und Haftung basieren. Drei Faktoren, auf die sich jedes Wirtschaftssubjekt konzentrieren kann. Und vielleicht ist der Hinweis auf diese Konstellation nicht nur für einzelne Wirtschaftsakteure geeignet, sondern auch ein Dreiklang für (wirtschafts-)politische Aktivitäten.
Dipl.-Kaufmann Christian Heuser, M.M.
Düsseldorf (www.beratung-mediation.de). Mitglied der GWE, 2. Vorsitzender der GWE.
1 INSA-Consulere: Wie halten wir es mit dem Vertrauen? In: Grandios Stiftung (Hg.): Vertrauen. Heft Nr. 2/2022, S. 24. Anm.: Wobei die Prozentsätze bei Babies und Kleinkindern – wenn man sie befragen könnte – wohl auch sehr hoch ausfallen würden.
2 Suchanek, Andreas: Vertrauen als Vermögenswert: Eine konzeptionelle Annäherung an Corporate Responsability. In: Taubken Norbert et al (Hg.): Unternehmensverantwortung wirkt! 2013, S. 41. So auch Med Jones: „Das schlimmste was einer Wirtschaft passieren kann, ist der Verlust von Vertrauen.“
3 Während der Aussage, dass Vertrauen wachsen muss, viele Wirtschaftssubjekte zustimmen, ist der Weg bei abnehmendem Vertrauen tendenziell abrupter (was allerdings häufig an mangelnden Kommunikationskompetenzen liegt).
4 Pies, Ingo im Podcast „Sollten Unternehmen ´Haltung´ zeigen? Überlegungen aus wirtschaftsethischer Perspektive.“ 04.06.2024, https://wirtschaftlichefreiheit.de/wordpress/?p=37060







