Zur ethischen Diskussion über Wirtschaftsstraftäter aus der Perspektive eines Gefängnisseelsorgers
von Wolfram Lehmann
Was Wirtschaftskriminelle bereuen
Wirtschaftskriminelle geben auf Nachfrage in der Regel bereitwillig Auskunft, was sie bereuen. Auffällig ist, dass sie dabei die Tatsache des Aufgeflogenseins als solches nicht ansprechen. Offensichtlich kalkulieren sie dieses Risiko so nüchtern durch wie bei einem professionellen Riskmanagement. Dann ist das Auffliegen nicht mehr oder weniger als ein misslungenes Geschäft. In der Folge wird entweder das Marktsegment gewechselt oder die Strategie geändert: eine neue Straftat mit scheinbar geringerem Risiko; eventuell sogar ein künftig rechtskonformes Verhalten. Die Motivation liegt aber nicht in einem Unrechtsbewusstsein als solchem, sondern in der schlichten Reaktion auf das zu erwartende Risiko.
Interessant ist, wann die Reue deutlich ausgesprochen wird: Sobald es um Einzelpersonen geht. Seien es betroffene Familienmitglieder oder betrogene Kunden. Aber nicht, wenn die Allgemeinheit ins Spiel kommt (z. B. Steuerbetrug). Dieser Aspekt findet sich auch bei anderen Straftätern wieder. Sobald es um konkrete Personen geht, wird öfter Reue empfunden; solange es um Belange der Allgemeinheit geht, ist das Unrechtsempfinden gering ausgeprägt.
Bei all diesen Überlegungen übersehen Wirtschaftskriminelle einen Aspekt, der genau genommen vorher absehbar gewesen wäre. Die Folgen der Abgeschiedenheit von der Außenwelt. Während der Haftzeit brechen verborgene Lebensfragen auf, mit denen die Betroffenen nicht gerechnet hatten (z. B. schlechtes Gewissen gegenüber Geschädigten; Zukunftsunsicherheit, wie viele Lebensjahre einem nach Verbüßung der Haft noch bleiben; der Wunsch nach Familiengründung, die während der Haftzeit nahezu unmöglich ist; Sinnfragen). Bei wirtschaftskriminellen Straftätern ist die Wirkung dieser aufbrechenden Fragen noch etwas intensiver als bei anderen Tätergruppen. Das könnte an dem vergleichsweise hohen Reflexionsgrad der Tätergruppe liegen.
In diesem Kontext schwindet auch der Befriedigungseffekt durch materielle Werte. Das gilt selbst dann, wenn nach eigenen Aussagen noch Vermögenswerte vorhanden sind, von denen „die Staatsanwaltschaft nichts weiß“. Es entsteht vielleicht materielle Sicherheit für die Zeit nach der Haft oder ein vermeintlich besseres Selbstwertgefühl. Das macht aber nicht glücklich. Der Satz „Dass Geld nicht glücklich macht, weiß doch mittlerweile jeder.“ mag auf der Hand liegen; bis zu den Wirtschaftsstraftätern ist er scheinbar nicht durchgedrungen.
Wie echt ist die Reue?
Übrigens kann man die oben erwähnte Reue durchaus hinterfragen. Ein langjähriger Kriminalkommissar sagt von sich, dass er mit allen Arten von Straftätern klargekommen sei – nicht aber mit „Betrügern“. So werden Wirtschaftsstraftäter im Justizalltag genannt. Denn bei „Betrügern“, so der ehemalige Kommissar, würde selbst eine scheinbare Reue auf betrügerischen Erwägungen beruhen.
Interessant ist daher das Verhalten nach Verbüßung einer Haftstrafe. Wenn bekannte Persönlichkeiten (z.B. Thomas Middelhoff, Josef Müller) sich nach der Freilassung zu einer Lebensveränderung oder zu Jesus Christus bekennen, so ist das der Lackmustest. Wenn dagegen ein Wirtschaftsstraftäter mehrfach wegen des gleichen Delikts in Haft kommt, so ist seine Reue tatsächlich fragwürdig. Hat sich der Steuerberater einmal geirrt – und der Investor kommt in Haft, so halte ich das für zumindest denkbar; aber nicht beim gleichen Delikt mehrfach. Das sind dann klassische Schutzbehauptungen.
Deswegen bin auch ich als Seelsorger vorsichtig im Umgang mit der Reue. Ich gehe auf die Betreffenden ein und biete die ganze Palette geistlicher Unterstützung bis hin zu einer Beichte an. Gleichzeitig achte ich darauf, was bei den einzelnen Gesprächspartnern wirklich Bestand hat. Etwa ein regelmäßiger Gottesdienstbesuch. Auch im Gefängnis schlafen Menschen am Sonntag gerne länger; der Gottesdienstbesuch wird so wie außerhalb einer Anstalt vom persönlichen Umfeld wahrgenommen. In einer JVA sind das vor allem die Mitgefangenen. Gottesdienstbesuch ist immer auch ein Bekenntnis. Oder das Interesse an einer von der Seelsorge ausgegebenen Bibel und am Gespräch über geistliche Fragen.
Ein klassisches „Zachäuserlebnis“ hatte ich noch nicht, also einen Wirtschaftsstraftäter, der in tiefer geistlicher Betroffenheit mit einem Schlag sein ganzes Leben geändert hat. Stattdessen sind es eher längerfristige Auswirkungen, wie Gottesdienstbesuche, Bibellektüre oder geistlicher Austausch.
Zu den Motiven
Sobald einem Erfolg „alles“ bedeutet, wird man bereit sein, dafür auch „alles“ zu riskieren. Notfalls die eigene juristische Seriosität – wenn „der Preis stimmt“. Gier ist dabei das Hauptmotiv. Dazu gesellt sich eine Fülle individueller Konstellationen. Es gibt also nicht nur den „geldgierigen Betrüger“, sondern zum Beispiel auch den Unternehmer, der sein Lebenswerk retten wollte oder die Einzelperson, die überraschend in eine finanzielle Notlage geraten ist. Das überraschende Eintreten finanzieller Notlagen kann das Werteportfolio einzelner Personen so massiv verschieben, dass kriminelles Verhalten in Kauf genommen wird. Bemerkenswert ist, dass diese Menschen zuvor hochseriös gewesen sind.
Weitere mögliche Motive sind Spaß am rechtlichen Risiko, juristische Unbedarftheit oder unwissentlicher beruflicher Einstieg in betrügerische Systeme.
Weltanschauung („Glaube“) beeinflusst die Werte. Insofern hat „Glaube“ eine präventive Wirkung, weil in den Religionen normalerweise rechtskonformes Verhalten über das Erreichen von monetären Erfolgszielen oder über die Sicherung einer guten Reputation gestellt wird. Auffällig ist, dass Glaube zwar kaum ein seelsorgerliches Gesprächsthema ist, einige Wirtschaftskriminelle aber sehr wohl am Anstaltsgottesdienst teilnehmen.
Leider wird rechtskonformes Geschäftsgebaren durch die Praxisferne mancher Regelungen sehr erschwert. Die konsequente Umsetzung beispielsweise des Lieferkettengesetzes oder mancher Compliancebestimmungen ist extrem mühsam.
Die Mehrzahl wirtschaftskrimineller Straftaten vollzieht sich übrigens im eigenen Unternehmen. Die größte Wirtschaftsstraftätergruppe sind Buchhalter und Buchhalterinnen. Vielleicht diejenigen, von denen man es am wenigsten erwartet hätte.
Wolfram Lehmann
Seelsorger an der JVA Hof. Neben seinem Theologiestudium hat er eine Geschäftsführungsausbildung absolviert. An der Hochschule Hof bekleidet er einen Lehrauftrag im Bereich Betriebswirtschaft. Mehrere Jahre hat er Wirtschaftsethik unterrichtet; momentan schult er IT-Masterstudenten in unternehmerischem Grundwissen. Wolfram Lehmann ist Experte für Fragen zu Glauben und Erfolg.







