Gesellschaft für Wirtschaft und Ethik

Krieg und Frieden im Namen Jesu?

Elmar Nass

Jesu Friedensbotschaften der Bergpredigt gehören für viele Menschen heute zum Kulturschatz. Sie sind tief in der Gesellschaft verankert. Das ist etwas Gutes. Diese Worte Jesu haben hohe Relevanz für eine Moral des menschlichen Zusammenlebens. Der aktuelle Krieg in der Ukraine fordert diese Botschaft heraus, denn da wird mit Berufung auf Notwehr anders agiert. Das aber widerlegt keineswegs die Worte Jesu. Eine pazifistische Auslegung, vor der ich großen Respekt habe, ist nämlich nicht die einzig wahre Interpretation der Bergpredigt. Pazifisten sind der Überzeugung: Keine Gewalt, auch nicht, wenn wir angegriffen werden. Es kann allerdings auch aus christlicher Sicht gute Gründe geben, sich im Notfall selbst mit gewaltsamen Mitteln zu wehren. Dieser Position schließe ich mich an. Wenn man sich näher etwa mit einem Wort wie „Wenn dich einer auf die rechte Wange schlägt, dann halt ihm auch die andere hin“ (Mt 5,39) beschäftigt, dann sehen wir dahinter als Ziel Jesu die Entfeindung. Wenn ich dem anderen auch die linke Wange hinhalte, dann erwarte ich also, dass er mit dem Schlagen aufhört und so die Spirale der Gewalt endet. Solche Deeskalation funktioniert aber nur, wenn der andere mich nicht umbringt. Ist eine solche Eskalationsstufe erreicht, dann funktioniert die Idee der Entfeindung nicht mehr. Deshalb können die radikalen Forderungen der Bergpredigt in so einer Situation nicht der letzte Maßstab von Friedenspolitik sein. 

So gibt es in der christlichen Tradition die Lehre vom gerechten Krieg, der auch völkerrechtlich legitimen Gewaltanwendung als letztem Mittel im Verteidigungsfall. Dafür gibt es strenge Regeln. Diese treffen jetzt für die Ukraine sicher zu. Trotzdem möchte ich diesen Begriff nicht mehr so verwenden, denn der Begriff vom gerechten Krieg (bellum iustum) könnte zu dem Missverständnis führen, dass Kriege auch etwas Gutes haben. Militärische Gewalt ist aber nie etwas Gutes. Wenn ein ukrainischer Soldat einen russischen Soldaten tötet, ist das nichts Gutes oder Gerechtes. Wir sehen aber jetzt in dieser Verteidigung einen gerechtfertigten Krieg: ein Übel, das man in Kauf nimmt, um noch größere Übel abzuwenden. Denn was würde passieren, wenn die Ukraine sich nicht verteidigt? Einem ganzen Volk würde die Freiheit genommen. Andere Länder wie China könnten sich zu weiterer Gewalt und auch Krieg eingeladen fühlen (etwa gegen Hongkong, Taiwan). Und eine Logik von Erpressung, Tod und Unterdrückung würde sich weiter ausbreiten. Das darf nicht passieren.

Auch deshalb dürfen wir jetzt in der Ukraine nicht tatenlos zusehen. Waffenlieferungen sind zweifellos umstritten. Ich halte sie dennoch für gerechtfertigt. Sie müssen im Kontext der gerechtfertigten Verteidigung gesehen werden. Deutschland hat ganz sicher eine besondere historische Verantwortung für Frieden und Freiheit. In anderen Weltgegenden kämpfen deutsche Soldaten gegen Terroristen. Es bleibt auch hier immer dabei, dass jeder Waffeneinsatz ein Übel ist und nur als ultima ratio gerechtfertigt ist. Dann aber muss er auch angemessen Unterstützung finden. Ich will es einmal auf der persönlichen Ebene sagen: Wenn ein Freund angegriffen wird, und ich schaue nur tatenlos zu, dann ist das auch keine Freundschaft. Die Lieferung von Waffen sehe ich jetzt als einen Akt der Freundschaftshilfe für das ukrainische Volk mit dem Ziel, größeres Übel zu verhindern. Die geforderte Flugverbotszone scheint mir dagegen kein adäquates Maß der Hilfe. Es könnte ansonsten dazu kommen, dass die NATO russische Flugzeuge abschießt und damit selbst unmittelbar in den Konflikt hineingezogen wird. Das könnte zu einem Flächenbrand in Europa und darüber hinaus führen. Deshalb sage ich: Hilfe zur Selbstverteidigung ja! Aber wir müssen alles vermeiden, was in einen Dritten Weltkrieg hinein führen könnte.

Die Politik der Abschreckung hat für NATO-Länder bisher eine solche Eskalation verhindert. Dies wurde mit der Drohung durch Massenvernichtungswaffen teuer erkauft. Emotionale Diskussionen darum haben wir etwa bei der Nachrüstung der 1980er Jahre erlebt: Hinter der Friedensbewegung standen auch sehr gute christliche Motive. Ja, solche Waffen sind in sich etwas Schlechtes. Abschreckung hat mit Schrecken zu tun. Dennoch ist auch hier wieder abzuwägen: Kann es einen guten Grund geben, diesen Schrecken einzusetzen? Pazifisten sagen: Nein. Ich bin da anderer Meinung: Es kann vertretbar sein. Denn es gibt tyrannische Mächte, die sich ohne eine solche Abschreckung eingeladen fühlen könnten, schwächere Länder zu überfallen oder unter Druck zu setzen. Wie wir es ja jetzt sehen und ggf. in Fernost weiter befürchten müssen. Abschreckungswaffen sind auch nicht dazu da, um eingesetzt zu werden, im Gegenteil. Im Christentum gibt es keine Lehre der Abschreckung. Allerdings gibt es in der Bibel einige sehr drastische Stellen, in denen es darum geht, sich gegen teuflische, dämonische Mächte zur Wehr zu setzen (1 Petrus 5,9; 1 Joh 3,8). Insofern können wir uns auch auf Jesus Christus berufen, wenn Abschreckung und militärische Gewalt in solchem Notfall eingesetzt werden.

Grundlage dieses Textes ist ein Interview von Dr. Raimund Neuß mit Elmar Nass in: Kölner Rundschau vom 12.3.2022.

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