von David Dekorsi
In den vergangenen Jahren hat sich ein bemerkenswerter Trend weiter verfestigt: Immer mehr Verantwortung wird an den Staat delegiert. Für nahezu jedes Problem scheint es eine regulatorische Antwort zu geben, für jede Unsicherheit ein neues Instrument der Absicherung. Was kurzfristig Stabilität verspricht, hat jedoch eine langfristige Nebenwirkung: Verantwortung wird entpersonalisiert.
Dabei ist Verantwortung kein abstraktes Prinzip, sondern eine konkrete Praxis. Sie entsteht dort, wo Menschen Entscheidungen treffen und für deren Folgen einstehen. Genau hier setzt das Prinzip der Subsidiarität an: Verantwortung soll auf der jeweils niedrigstmöglichen Ebene wahrgenommen werden – dort, wo Nähe, Wissen und Handlungsmacht zusammenkommen. Für die Wirtschaft bedeutet das: Unternehmerische Verantwortung gehört in die Hände der Unternehmer selbst.
Doch genau dieses Verständnis gerät zunehmend unter Druck. Unternehmer sehen sich heute mit einer wachsenden Erwartungshaltung konfrontiert. Sie sollen nicht nur wirtschaftlich erfolgreich sein, sondern zugleich gesellschaftliche, ökologische und politische Verantwortung übernehmen – häufig definiert von außen und verdichtet in regulatorischen Vorgaben aus Brüssel oder Berlin. Paradoxerweise führt gerade diese Entwicklung nicht zu mehr, sondern zu weniger echter Verantwortung. Denn wo Verantwortung formalisiert wird, weicht persönliche Verantwortung nicht selten einer bloßen Pflichterfüllung. Verantwortung wird verwaltet, statt übernommen.
Dabei liegt gerade in der freiwilligen, wertebasierten Verantwortung ein entscheidender Unterschied. Unternehmer, die Verantwortung nicht als auferlegte Last begreifen, sondern als integralen Bestandteil ihres Handelns, treffen andere Entscheidungen. Sie investieren langfristiger, gehen bewusster mit Mitarbeitern um und bauen Vertrauen auf – bei Kunden, Partnern und in der Gesellschaft.
Dieses Vertrauen ist kein weicher Faktor, sondern ein harter Wettbewerbsvorteil. In einer Zeit, in der Märkte transparenter und Entscheidungen vergleichbarer werden, gewinnt nicht allein derjenige, der kurzfristig am effizientesten ist. Es gewinnt derjenige, dem vertraut wird. Vertrauen reduziert Transaktionskosten, stabilisiert Geschäftsbeziehungen und erhöht die Resilienz von Unternehmen in Krisenzeiten. Der rein gewinnorientierte Unternehmer mag seine Zahlen kurzfristig optimieren – der verantwortungsbewusste Unternehmer baut Substanz.
Verantwortung ist jedoch nicht ohne Risiko zu haben. Wer entscheidet, kann sich irren. Wer gestaltet, macht Fehler. Eine funktionierende Fehlerkultur ist deshalb kein Nice-to-have, sondern Voraussetzung für verantwortliches Handeln. In vielen Organisationen beobachten wir jedoch das Gegenteil: Entscheidungen werden mehrfach abgesichert, Verantwortung verteilt, Risiken minimiert – um jeden Preis. Das Ergebnis ist nicht mehr Sicherheit, sondern Stillstand.
Eine Kultur, die Fehler sanktioniert, vermeidet Verantwortung. Und eine Wirtschaft, die Verantwortung vermeidet, verliert ihre Innovationskraft. Sie wird vorsichtig – und damit auf Dauer schwächer. Gerade Unternehmer müssen daher den Mut haben, Entscheidungen zu treffen, und die Bereitschaft, für deren Konsequenzen einzustehen – nicht trotz möglicher Fehler, sondern im Bewusstsein, dass Fortschritt ohne sie nicht möglich ist.
Diese Frage stellt sich in besonderer Weise für die junge Generation. Viele junge Menschen suchen nach Sinn, nach Wirkung und nach der Möglichkeit, Verantwortung zu übernehmen. Gleichzeitig wachsen sie in einem Umfeld auf, das stark auf Absicherung ausgerichtet ist. Wir erziehen eine Generation zur Sicherheit – und erwarten von ihr Verantwortung. Dieser Widerspruch lässt sich nicht durch Appelle auflösen, sondern nur durch gelebte Praxis.
Unternehmer können hier eine Schlüsselrolle spielen. Indem sie Verantwortung nicht meiden oder delegieren, sondern bewusst vorleben. Indem sie Räume schaffen, in denen junge Menschen Entscheidungen treffen dürfen. Und indem sie zeigen, dass wirtschaftlicher Erfolg und wertebasiertes Handeln kein Gegensatz sind, sondern einander bedingen – und dass die Perspektive der Jüngeren keine unfertige, sondern eine bereichernde ist.
Am Ende geht es nicht nur um ein „Weniger“ an Staat, sondern vor allem um ein „Mehr“ an Verantwortung auf Seiten derjenigen, die gestalten können. Subsidiarität ist kein Selbstzweck, sondern Ausdruck eines bestimmten Menschenbildes: des mündigen, verantwortungsfähigen Individuums. Sie führt zu einem schlanken Staat, der seinen Bürgern vertraut.
Soziale Marktwirtschaft lebt davon, dass dieses Menschenbild Realität bleibt. Sie braucht Unternehmer, die nicht nur Chancen erkennen, sondern Verantwortung übernehmen – nicht, weil sie gezwungen werden, sondern weil sie wollen.
Die Zukunft gehört nicht den vorsichtigsten Unternehmen. Sie gehört den verantwortungsbewusstesten.
David Dekorsi
Geschäftsführer des Bundes Katholischer Unternehmer (BKU)






