Gesellschaft für Wirtschaft und Ethik

Grundfragen der Wirtschaftsethik LIII

Ethische Bewertung der Inflation

Kürzlich noch fürchtete die Europäische Zentralbank (EZB), dass die Inflationsrate zu niedrig sei; sie strebt eine Inflation knapp unter 2 % an. Mario Draghi war beim Unterschreiten sehr schnell bereit, durch eine gewaltige Erhöhung der Geldmenge die Inflationsrate zu erhöhen. Jetzt wo wir aktuell (April 2022) in Deutschland eine Rate von 7,5 % haben, will die EZB kaum wirksame geldpolitische Maßnahmen ergreifen, um die Inflationsrate abzusenken. Im Zentralbankrat haben die inflationsgewöhnten Südländer die Mehrheit, so dass die uns Deutschen versprochene Geldwertstabilität anderen Zielen weichen musste. Heute scheint es hauptsächlich darum zu gehen, dass die verschuldeten Staaten zahlungsfähig bleiben. So können sich diese Staaten weiter zu einem geringen Zinssatz verschulden – zu Lasten der Sparer. 

Politiker sind geneigt, der Geldwertstabilität nicht die gleiche Priorität einzuräumen wie der Vollbeschäftigung. Der ehemalige Bundeskanzler Helmut Schmidt sagte einst: Lieber 5 % Inflation als 5 % Arbeitslosigkeit. Jedoch: Eine hohe Inflation schadet allen Bürgern, die Arbeitslosigkeit nur den Arbeitslosen, denen gezielt geholfen wird (Arbeitslosengeld). Sollte die Inflationsbekämpfung oder die wirtschaftliche Entwicklung den ethischen Primat haben?

Auf die verschiedenen Definitionen, Messprobleme und Ursachen der Inflation werde ich nicht eingehen können1. Eine ethische Bewertung muss die Auswirkungen der Inflation auf Wirtschaft und Gesellschaft berücksichtigen. Des öfteren wird behauptet, dass eine moderate (schleichende) Inflation den Strukturwan­del fördert. Bei flexiblen Preisen sei nur über Inflation eine Anpassung der realen Lohnkosten an die wirtschaftliche Lage  möglich.

Bei den wirtschaftlichen Auswirkungen wird zwischen

· Allokationswirkungen,

· Verteilungswirkungen,

· Wachstums- und Beschäftigungswirkungen

unterschieden. 

Allokationswirkungen:

Hohe und veränderliche Inflationsraten führen zu unsicheren Erwartungen bei den Wirtschaftssubjekten und erhöhen damit das Risiko wirtschaftlicher Fehlentscheidungen. Knapp­heitsrelationen und deren Veränderungen werden nicht mehr richtig erfasst. Um relevante Informationen zu erhalten, müssen einzel- und gesamtwirtschaftliche Zusatzkosten aufgebracht werden, die mit Wohlfahrtsverlusten verbunden sind. Inflationen  führen zu einer Verkürzung von Vertragslaufzeiten. Ebenso werden die Wirtschaftssubjekte versuchen, sich den Folgen der Inflation durch eine Flucht in Sachwerte (Betongold) zu entziehen. Im Baubereich werden dann Überkapazitäten gebildet, die  langfristig zu inflationsbedingten Fehlallokationen, zu Unternehmenszusammenbrüchen und zu struktureller Ar­beitslosigkeit führen können. 

Bei Ausweitung der Inflationsmentalität sind die Geldfunktionen gefährdet. Geld wird dann zunehmend als Tausch- und Wertaufbewahrungsmittel abgelehnt, was Tauschhandlungen der Wirtschaftssubjekte verteuert.

Verteilungswirkungen:

Im Laufe des inflationären Prozesses kommt es zu Umverteilungen von Einkommen und Vermögen, wobei die folgenden Hypothesen aufgestellt werden: 

· Gläubiger-Schuldner-Argument: Die Gläubiger erleiden einen Realverlust, dem ein realer Gewinn auf Schuldnerseite gegenüber steht. Der Staat als größter Schuldner ist damit größter Gewinner der Inflation (Inflationssteuer). 

· Lohn-Lag-Hypothese: Bei verzögerten Lohnsteigerungen (wegen der Laufzeiten der Tarifverträge) kommt es zu einer Umverteilung zugunsten der Gewinne und der Bezieher von Unternehmereinkommen. Arbeitnehmer sind folglich die Verlierer.

· Transfereinkommens-Lag-Hypothese: Institutionelle Rigiditäten führen bei Transfereinkommen wie Renten, Sozialhilfe, Kindergeld usw. zu verspäteten Anpassungen. Damit verschlechtert sich die Verteilungssituation der Transfer­einkommensbezieher. 

· Steuerbelastungsargument: Bei Steuern, die Progressionsstufen beinhalten, kann es zu einer Veränderung der effektiven Steuerbelastung führen. Mit wachsenden Nominaleinkommen nimmt der Anteil der Einkommens- und Lohnsteuer überproportional zu, so dass es zu einer inflationsbedingten Umver­teilung zugunsten des Staates kommt. Die verspätete Anpassung von Frei- und Pauschbeträgen an die Inflationsrate erhöht ebenfalls die Steuerlast. 

Wachstums- und Beschäftigungswirkungen:

Die Auswirkungen einer Inflation auf Wachstum und Beschäftigung sind umstrit­ten. Extreme Inflations­raten lösen unbestritten eine Beeinträchtigung von Wachstum und Beschäftigung aus. 

Die Inflation kann als eine Steuer auf Realkasse bezeichnet werden (Inflationssteuer). Da die Geldschöpfung wesentlich von der Notenbank bestimmt wird, steht den staatlichen Instanzen mit der In­flationssteuer eine Finanzierungsquelle zur Verfügung, die keiner gesetzlichen Grundlage bedarf. Insbesondere in Entwicklungsländern ist die Inflationssteuer ein wesentlicher Teil der staatlichen Einnahmen, da Ausgaben durch die Notenpresse finanziert werden und damit die Besitzer von Geld- und Finanzkapital durch die Inflationssteuer diese Realausgaben finanzieren.2

Wenn das tatsächliche wirtschaftliche Wachstum höher ist als das potentielle, beobachtet man Inflationsfolgen; liegt die reale Wachstumsrate unter dem wirtschaftlichen Potential folgt Arbeitslosigkeit. Die Übereinstimmung der tatsächlichen Wachstumsrate mit der potentiellen erhöht die Effizienz.  Bei einer Inflation hängt der Preis der Güter nicht mehr allein von Angebots- und Nachfragebedingungen ab, was die optimale Allokation der Güter beeinträchtigt. 

Die Senkung der Reallöhne durch eine Inflation hängt von der Existenz der Geldillusion ab. Langfristige moderate Inflationen müssten dazu führen, dass die Arbeitnehmer diese Inflationsrate antizipieren, so dass es nicht zu einer Geldillusion kommt! Gewerkschaften werdenhöhere Löhne durchsetzen. Einige Studien zeigen, daß die Geldpolitik nicht in der Lage ist, Probleme des Arbeitsmarktes langfristig zu lösen. 

Die soziale Ordnungsfunktion des Geldes

Geldstabilität ist ein wichtiges Element einer marktwirtschaftlichen Ordnung. Durch die negativen Erfahrungen vieler Länder, z.T. auch aufgrund der Politik und der wirtschaftspolitischen Einflussnahme der Deutschen Bundesbank, hatte sich die Einsicht durchgesetzt, dass die Geldwertstabilität eine fundamentale Voraussetzung für funktionsfähige marktwirtschaftliche Wirtschaftssysteme darstellt. 

Währungsethische Fragestellungen befassen sich mit grundlegenden wirtschaftspolitischen Zielsetzungen, die über währungspolitische Maßnahmen erreicht werden sollen:

· die Bedeutung des Geldwesens für eine menschenwürdige Gesellschaftsord­nung,

· Geld als materielles Disziplinierungsmittel für private und öffentliche Haus­halte,

· die Bedeutung der Währungsordnung für die internationale Arbeitsteilung. 

Die Erfindung des Geldes hat durch die Zerlegung des Tausches Ware gegen Wa­re in zwei unabhängig voneinander vollziehbare Teile eine für das Wohl der Menschheit weit reichende Innovation ermöglicht: zunächst die regionale und schließlich die weltweite Arbeitsteilung! Geld wurde zum globalen Vermittler dessen, was an materiellen und immateriellen Werten durch Kauf erworben wer­den kann. Geld hat es möglich gemacht, nicht nur Kaufkraft über längere Entfer­nungen und Zeiträume mit relativ geringen Kosten zu transportieren und zu erhal­ten (Sparen), sondern bei richtiger Anlage auch noch durch Erträge zu vermehren. 

In einer funktionsfähigen Marktwirtschaft hat die Währungsordnung eine zentrale Funktion. Daher formulierte Lenin: “Wer eine Gesellschaftsordnung zerstören will, muss zunächst ihr Geldwesen in Unordnung bringen!” Es muss daher eine Währungsordnung geschaffen und erhalten werden, welche für eine sozialethisch erstrebenswerte Gesellschaftsordnung notwendig ist. Insbesondere Eucken (Freiburger Schule) betonte den “Primat der Währungspolitik” für eine funktionsfähige Wettbewerbsordnung. Das Geld kann seine gesellschaftlichen Funktionen nur dann optimal erfüllen, wenn die Geldmenge richtig dosiert und gesteuert wird.

Der Historiker David Hackett Fischer3 hat die gesellschaftlichen Krisen von fehlender Preisstabilität betont. In den letzten acht Jahrhunderten habe es vier große Wellen von Inflationen gegeben. Die erste Welle steigender Preise ist Ende des 12. Jahrhunderts bis zu Beginn des 14. Jahrhunderts zu beobachten und wird als die Preisrevolution des Mittelalters bezeichnet. Die zweite Inflationswelle war die bekannte Preisrevolution des 16. Jahrhunderts, die Ende des 15. Jahrhunderts begann und ca. Mitte des 17. Jahrhunderts terminiert wurde. Die dritte Welle begann ca. 1730 und erreichte ihren Höhepunkt in der französischen Revolution und den napoleonischen Kriegen, sie wird als die Preisrevolution des 18. Jahrhunderts bezeichnet. Die letzte große Welle (Preisrevolution des 20. Jahrhunderts) begann im Jahr 1896 und dauert  Anfang  des 21. Jahrhunderts noch an. 

Im 12. Jahrhundert lag der Höhepunkt des Mittelalters; das Mittelalter wurde durch die Preisrevolution in seinem Bestand zerstört. Anschließend beobachten wir von ca. 1400 bis 1480 ein Gleichgewicht der Renaissance; die dritte stabile Zeit war die der Aufklärung von ca. 1660 bis 1730. Die letzte stabile Periode kann als viktorianisches Gleichgewicht bezeichnet werden, da sie ungefähr die Lebensspanne Queen Victorias umfasst. Die Krisen und langsame Entwicklung der Preisinflationen waren unterschiedlich; ein wesentlicher Punkt war jedoch immer darin zu sehen, daß gegen Ende der stärker werdenden Inflation der einfache Mann und die Arbeiter durch die Inflation in soziales Elend gestürzt wurden. 

Alle Zeiten hoher Inflation endeten in einer gesellschaftlichen Katastrophe. Daher wäre der EZB anzuraten, wieder die Geldwertstabilität als ihre Hauptaufgabe anzusehen. Bekommt die Inflation eine zu große Fahrt, ist ihre Bekämpfung mit größeren gesellschaftlichen Kosten verbunden. In Hohelied 2,15 heißt es: “Fangt uns die Füchse, die kleinen Füchse, die den Weinberg verderben.” So müsste man der EZB zurufen: “Bekämpft die noch geringen Inflationsraten, die die wirtschaftliche Entwicklung destabilisieren.”


1Verwiesen sei hierbei auf : Werner Lachmann; Volkswirtschaftslehre 2 – Anwendungen,, Berlin, Heidelberg 2004, 2. Auflage. Kapitel 6.2 Inflation, S, 258-280. 

2Vgl. hierzu Werner Lachmann: Entwicklungspolitik Bd. 2: Binnenwirtschaftliche Aspekte, München, Wien 1997, insbesondere Kap. 10: Geld- und Stabilisierungspolitik.

3David Hackett Fischer: The Great Wave. Price Revolutions and the Rhythm of History, New York und Oxford 1996. 

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