Am 11. August 2025 erschien in der New York Times ein Essay von David Brooks mit dem Titel: „Warum immer mehr Leute auf der Welt hoffnungsvoll sind (außer uns)“.
Er analysiert darin einen paradoxen Befund: Das weltweite Wohlbefinden steigt, während es in reichen westlichen Ländern deutlich sinkt.
Gallup-Daten aus 142 Ländern zeigen, dass der Anteil der Menschen, die ihr Leben als „gelingend“ empfinden, seit einem Jahrzehnt zunimmt; nur noch 7 Prozent geben an, zu „leiden“ – der niedrigste Wert seit 2007.
Besonders stark wächst das Wohlbefinden in Ländern wie dem Kosovo, Vietnam oder Paraguay.
Dagegen verzeichnen die USA, Kanada, Westeuropa, Australien und Neuseeland einen markanten Rückgang: 2007 fühlten sich dort 67 Prozent der Menschen hoffnungsvoll, heute nur noch 49 Prozent.
Brooks sieht den Kern des Problems in der Entkopplung von wirtschaftlicher und sozialer Gesundheit.
Trotz wachsender Wirtschaft, höherer Löhne und niedriger Arbeitslosigkeit nehmen in den USA Suizide, Einsamkeit und Vertrauensverlust zu.
Die materiellen Bedingungen verbessern sich, die sozialen und spirituellen Grundlagen erodieren.
Wohlbefinden, so Brooks, entsteht aus einem Dreiklang von steigendem Lebensstandard, sozialen Bindungen und sinnstiftenden Werten.
Daten von Gallup und der Global Flourishing Study (Harvard & Baylor Universities) bestätigen diese Sicht.
Gesellschaften, die wirtschaftlichen Fortschritt mit sozialer Verwurzelung und spirituellem Sinn verbinden, erzielen die höchsten Flourishing-Werte – etwa Israel oder Polen.
Länder wie Japan oder die skandinavischen Staaten erreichen materiellen Wohlstand, aber geringes Sinnempfinden.
Dagegen schneiden ärmere, religiös geprägte Gesellschaften wie Indonesien, Mexiko und die Philippinen überraschend gut ab: Sie haben starke Gemeinschaften und einen stabilen Wertekanon.
Tyler VanderWeele, Leiter der Harvard-Studie, sieht als Erklärung dahinter folgendes Prinzip: „Man bekommt das, was man am meisten schätzt.“
Westliche Länder, die vor allem wirtschaftlichen Erfolg priorisieren, verlieren an sozialem und spirituellem Kapital.
Brooks sieht hierin eine Folge kultureller Werteverschiebung: Seit den 1960ern haben Nordamerika und Westeuropa stärker säkulare, individualistische und selbstverwirklichungsorientierte Ideale entwickelt – im Gegensatz zu eher gemeinschaftlich orientierten Kulturen in Osteuropa, Asien oder Lateinamerika.
Diese „Ethik der Autonomie“ fördere Entfremdung und schwäche soziale Netze.
Am stärksten betroffen sind laut Brooks junge Menschen in westlichen Ländern: Sie wachsen in misstrauischeren, atomisierten Gesellschaften auf, ohne stabile Gemeinschaften.
Das traditionelle U-förmige Glücksprofil (jung – mittelalt – alt) ist zu einer flachen Linie geworden: Junge Menschen sind heute unglücklicher als je zuvor.
Besonders junge Progressive leiden, da sie die hyperindividualistischen Werte am stärksten internalisieren; Umfragen in den USA zeigen dramatisch höhere Depressionsraten unter liberalen Studierenden im Vergleich zu konservativen.
Brooks’ Diagnose ist scharf: „Gier“ – eine einseitige Fixierung auf materiellen Erfolg – habe die sozialen und moralischen Fundamente des menschlichen Gedeihens untergraben.
Schulen vermittelten berufliche, nicht aber soziale oder spirituelle Bildung; kulturelle Ideale überhöhten persönliche Freiheit auf Kosten von Bindung und Verantwortung.
Sein Fazit: Westliche Gesellschaften müssen ihre Wertprioritäten neu justieren – Sinn, Gemeinschaft und Tugendhaftigkeit wieder als gleichrangig zu Wohlstand begreifen.
Nur dann kann eine Kultur „florieren“, nicht bloß funktionieren.
Aus christlicher Perspektive kann der Analyse und dem Therapie-Vorschlag im Grundsatz zugestimmt werden.
Allerdings geht es nicht um eine beliebige Füllung der Werte-Leere.
Im Lukasevangelium 10:27 heißt es „Du sollst Gott, deinen HERRN, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von allen Kräften und von ganzem Gemüte und deinen Nächsten wie dich selbst“.
Mit dieser neuen Ausrichtung wird die Fixierung auf sich selbst in doppelter Hinsicht durchbrochen.
Dr. Matthias Vollbracht
ist Ökonom und Medienwissenschaftler. Nach dem Studium in Mainz (Abschluss Diplom-Volkswirt) arbeitete der zunächst als Journalist und seit 1994 als verantwortlicher Researcher für Wirtschaft beim Medienforschungsinstitut Media Tenor (Zürich/ Wien). Matthias Vollbracht arbeitet im Vorstand der GWE als 1. Vorsitzender mit, ist verheiratet, hat drei erwachsene Kinder und lebt bei Bonn.





